► VIDEO: GLADIO Untergrundtruppen im Odenwald • Das Partisanen-Haus in Wald-Michelbach

www.911video.de ► GLADIO: "aus der SĂŒddeutschen Zeitung vom 4. April 09
WWW.GESCHICHTE.ODENWALD.TV | Es war ein Geheimnis vieler Nato-LĂ€nder: Untergrundarmeen sollten bei einem Einmarsch der Sowjetunion den Guerilla-Kampf aufnehmen. Die Spuren gehen zurĂŒck bis in die fĂŒnfziger Jahre - die Nato mauert noch heute.







Deutschland im September 1952, Kanzler Adenauer treibt mit voller Kraft die Westintegration der jungen Bundesrepublik voran, eines seiner großen Ziele: die Aufnahme Deutschlands in die Nato. In diese Zeit platzt die unglaubliche Aussage eines ehemaligen SS-Offiziers. Eine Aussage, deren Folgen einen transatlantischen Skandal auslösen werden. Hans Otto erklĂ€rt der hessischen Kriminalpolizei, er gehöre "einer politischen Widerstandsgruppe an, deren Aufgabe es war, im Fall eines russischen Vormarsches Sabotageakte durchzufĂŒhren und BrĂŒcken zu sprengen".

Die politische Widerstandsgruppe ist der von Rechtsextremen dominierte "Bund Deutscher Jugend“, kurz BDJ. Otto sagt aus: "Etwa 100 Mitglieder der Organisation wurden politisch geschult, und in der Bedienung von amerikanischen, russischen und deutschen Waffen und in der Anwendung militĂ€rischer Taktik unterwiesen. Die Mitglieder dieser Organisation waren hauptsĂ€chlich ehemalige Offiziere der Luftwaffe, des Heeres oder der Waffen-SS.

Otto erzĂ€hlt der Polizei, dass ein amerikanischer Geheimdienstmitarbeiter fĂŒr das Geld und den grĂ¶ĂŸten Teil der Ausbildung und AusrĂŒstung sorgte. Die MĂ€nner seien in der NĂ€he von Wald-Michelbach, einer Gemeinde im hessischen Odenwald, unterrichtet worden, hĂ€tten ein Haus mit einer unterirdischen Schießanlage und einem Bunker ganz in der NĂ€he.

Otto selbst zeigte sich mit zunehmender TĂ€tigkeit unwillig ĂŒber die unterrichteten Methoden: "Er lehrte uns beispielsweise, wie man jemanden tötet, ohne eine Spur zu hinterlassen, wenn man ihn einfach mit Chloroform bewusstlos macht, ihn in sein Auto setzt und einen Schlauch benutzt, um die Abgase des Autos ins Wageninnere zu leiten. Er lehrte uns auch gewisse Vernehmungstechniken, wie man Gewalt anwenden kann, ohne Spuren zu hinterlassen.“ Es klingt wie die Aussage eines Spinners.

Aus einer Aussage wird ein Skandal
Doch vier Tage spĂ€ter, am 13. September 1952, stĂŒrmt die Polizei die Zentrale des BDJ im Odenwald. Sie verhaftet Mitglieder, konfisziert Waffen, Munition und Sprengstoff, ebenso jede Menge Akten. Eines der aufgefundenen Papiere ĂŒberrascht die Ermittlungsbeamten besonders: "Diese Liste enthielt die Namen der Personen, die eliminiert werden sollten. Die Liste war nicht vollstĂ€ndig, weil daran immer noch gearbeitet wurde.“ Auf der Liste stehen die Namen vieler bekannter deutscher Kommunisten, die im Fall einer Invasion ermordet werden sollten - aber auch Namen gemĂ€ĂŸigter Sozialdemokraten, wie der von Heinrich Zinnkann, damals Innenminister Hessens.

Der Vorfall sorgt in politischen Kreisen fĂŒr einen Skandal. Eine geheime Organisation als Basis illegaler TĂ€tigkeiten, außerhalb jeder legislativen Kontrolle und unter dem Einfluss amerikanischer Geheimdienste?

Der Journalist Leo MĂŒller berichtet, dass, nachdem die Liste gefunden wurde, "die Überraschung so groß war, dass die meisten mit Unglauben reagierten". Bundeskanzler Konrad Adenauer behauptet, von der ganzen AffĂ€re nichts gewusst zu haben, wĂ€hrend Walter Donelly, der amerikanische Hochkommissar in Deutschland, erklĂ€rt, dass das Netzwerk ohnehin genau in diesem Monat aufgelöst werden soll. Schon am 30. September urteilt das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, dass alle verhafteten Mitglieder der Gruppe freizulassen sind.

Hessens MinisterprĂ€sident Georg August Zinn reagiert verĂ€rgert: "Die einzige juristische ErklĂ€rung fĂŒr diese Haftentlassung kann sein, dass die Leute in Karlsruhe einer amerikanischen Anweisung folgten.“ Er beschließt, die Öffentlichkeit zu informieren. Am 8. Oktober 1952 tritt er nach einem GesprĂ€ch mit Bundeskanzler Adenauer vor das hessische Parlament: "Am 9. September 1952 erfuhr eine Außenstelle des hessischen Verfassungsschutzamtes von einer geheimen Organisation, die 1950/1951 von den AnfĂŒhrern des BDJ unter der Bezeichnung TD, 'Technischer Dienst', gegrĂŒndet wurde.“

Nach einer ErlĂ€uterung ihrer Arbeitsweise fĂŒgt er hinzu: "Am 1. Oktober ordnete der Oberbundesanwalt die Freilassung der VerdĂ€chtigen an, da die Organisation auf Anordnung der amerikanischen Geheimdienste geschaffen wurde.“

Ein Aufschrei geht durch den Landtag, die New York Times schreibt von deutsch-amerikanischen Krisensitzungen, der Spiegel berichtet: "Die BDJ-AffĂ€re hat in den verschiedenen Hauptquartieren des amerikanischen Geheimdienstes große Unruhe ausgelöst. Der 'Technische Dienst' in Deutschland ist eine Abteilung eines umfassenden Partisanennetzwerks, das von den Vereinigten Staaten unterstĂŒtzt wird und sich ĂŒber ganz Europa verteilt.“

Sabotage hinter feindlichen Linien
Zum ersten Mal erfĂ€hrt die Öffentlichkeit etwas von einem deutschen sogenannten Stay-behind-Netzwerk. "Stay behind“ - der englische Begriff fĂŒr "zurĂŒckbleiben" war die Taktik einer britischen Spezialeinheit, die im Zweiten Weltkrieg mit Fallschirmen hinter den feindlichen Linien absprang und Sabotageakte verĂŒbte. Nach der Niederlage Deutschlands im Jahr 1945 fĂŒrchten sich die USA und Westeuropa vor einer sowjetischen Invasion und bauen Ă€hnliche Gruppen auf. An Antikommunisten und Erfahrung mit Waffen mangelt es kurz nach dem Krieg nicht. Doch nach der Auflösung des BDJ geraten die Netzwerke aus dem Blick der Öffentlichkeit - fast vierzig Jahre lang.

"Der Aufbau der Stay-behind-Organisationen der Nato-Staaten begann schon kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs“, bestĂ€tigt ein offizieller Bericht der deutschen Regierung im Dezember 1990: "Die Einheiten der von den allierten Geheimdiensten auf deutschem Territorium bis 1955 aufgebauten Nachrichtenbeschaffungs- und Schleusungsorganisation wurden 1956 vom BND ĂŒbernommen.“ In dem Bericht heißt es auch, dass die Organisation nicht, wie versprochen 1952 aufgelöst wurde. 104 Personen arbeiteten noch mit dem BND zusammen.

Allerdings wolle der Geheimdienst - nach Vereinbarungen mit den VerbĂŒndeten - die Organisation bis zum April 1991 auflösen. Der Kalte Krieg ist vorbei, die Geheimarmeen werden nicht mehr gebraucht.

► VIDEO: Gladio: Geheimarmeen in Europa (komplett 85 Min.)


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Als Andreotti auspackte

Dem Bericht vorausgegangen waren EnthĂŒllungen des italienischen MinisterprĂ€sidenten Giulio Andreotti im Oktober 1990. Um sich von Mordverdacht und MafiatĂ€tigkeiten freizukaufen, enthĂŒllt Andreotti die Existenz einer italienischen Stay-behind-Organisation namens "Gladio“, der lateinische Ausdruck fĂŒr das römische Kurzschwert - auch ein Symbol des faschistischen Italiens unter Benito Mussolini. Die Gruppe bestehe aus Antikommunisten, unterhalte geheime Waffenlager und solle einen Untergrundkrieg im Falle einer sowjetischen Besatzung fĂŒhren.

Andreotti verweist auch auf eine ĂŒbergeordnete Befehlsstruktur der Nato - diesen Hinweis tilgt er aber wenig spĂ€ter aus dem Dossier. Das erste Mal seit den fĂŒnfziger Jahren erfĂ€hrt man wieder etwas von einer Stay-behind-Organisation. Doch nicht nur Italien, auch die meisten anderen westeuropĂ€ischen Staaten rĂ€umen daraufhin zögerlich ein, dass ihre LĂ€nder geheime Armeen fĂŒr den Fall der FĂ€lle unterhalten wĂŒrden.


Einen Monat spĂ€ter diskutiert das EuropĂ€ische Parlament den "Gladio"-Skandal. Im Amtsblatt C 324/201 heißt es: "In der ErwĂ€gung, daß diese Organisation sich seit mehr als vierzig Jahren jeglicher demokratischer Kontrolle entziehen konnte, und daß sie von den Geheimdiensten der betreffenden Staaten in Zusammenarbeit mit der Nato geleitet wurde“, verurteilt das EuropĂ€ische Parlament "die Einrichtung von geheimen Organisationen zwecks Einflußnahme und DurchfĂŒhrung von Aktionen" und fordert eine volle AufklĂ€rung. Aber nur Belgien, die Schweiz und Italien richten parlamentarische Untersuchungskommissionen ein und veröffentlichen ihre Berichte.» Es kann nicht hingenommen werden, dass Steuergelder dafĂŒr verwendet werden, BĂŒrger zu töten. «

Der Schweizer Historiker Daniele Ganser ĂŒber die "Stay-behind"-Truppen
Erst 18 Jahre spĂ€ter publiziert der Schweizer Historiker Daniele Ganser eine umfangreiche Studie ĂŒber die Arbeit der Stay-behind-Organisationen. In elf Nato-Staaten und in den neutralen LĂ€ndern Schweden, Schweiz, Österreich und Finnland seien die "Stay-behind"-Organisationen tĂ€tig gewesen, heißt es dort.
Außerdem hĂ€tten die Gruppen auch in einigen LĂ€ndern massiv innenpolitisch interveniert - zumindest in Belgien, Griechenland, der TĂŒrkei, Frankreich und Italien, etwa beim Bombenanschlag auf den Hauptbahnhof von Bologna 1980.
Ganser sieht in den geheimen paramilitĂ€rischen Stay-behind-Truppen der Nato zweierlei: Sie waren einerseits kluge Vorsichtsmaßnahme, aber auch Quelle des Missbrauchs und Terrors. "Es kann nicht hingenommen werden, dass Steuergelder dafĂŒr verwendet werden, BĂŒrger zu töten", sagt er im GesprĂ€ch mit sueddeutsche.de.
Die Fakten zeigten, dass die Legislative "nicht in der Lage war, die Geheimarmeen wirksam zu kontrollieren. So etwas ist zwar aus totalitĂ€ren Staaten bekannt - aber fĂŒr Demokratien ist es zumindest ĂŒberraschend", so Ganser weiter.
Eine umfassende AufklĂ€rung scheitere aber daran, dass die Nato Protokolle und Aufzeichnungen ĂŒber Stay-behind-Netzwerke bis heute nicht zugĂ€nglich mache.

Das MilitĂ€rbĂŒndnis nahm offiziell im November 1990 zu den VorwĂŒrfen Stellung, als ein Sprecher bestĂ€tigte, dass "die Nato niemals einen Guerillakrieg oder Geheimaktionen in Betracht gezogen hat. Sie hat sich immer mit den militĂ€rischen eigenen Angelegenheiten und der Verteidigung der allierten Grenzen“ beschĂ€ftigt. Einen Tag spĂ€ter erklĂ€rte ein anderer Sprecher, dass die Nato niemals zu geheimen militĂ€rischen Angelegenheiten Stellung nehme, und deshalb der Bericht vom Vortag falsch sei. Dies war die einzige und letzte Stellungnahme - bis heute. Also bleiben auch fast zwanzig Jahre nach Ende des Kalten Krieges die Stay-behind-Organisationen der Nato-LĂ€nder noch immer ein RĂ€tsel.

...mehr dazu → https://nyc.de/2EeA5wu von Jonathan Stock

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